Das Familientreffen

Wir entschieden uns für eine online Anforderung, da wir die Informationen somit auf dem schnellsten Weg beziehen konnten. Ich zitterte richtig während ich auf das Posteingangssymbol auf meinem Bildschirm klickte und bereute die Entscheidung, einen Handelsregisterauszug anzufordern, sogar ein wenig. Die Informationen waren unfassbar! Sie verrieten uns schwarz auf weiß, dass er mittlerweile wieder ein eigenes Unternehmen - diesmal in der Schweiz - führt. Uns lag sogar noch eine Liste von einigen Gesellschaftern vor, aber die war für uns irrelevant. Das Wichtigste war die Gewissheit, dass er noch lebt. Sofort suchten wir uns den Hauptsitz des Unternehmens heraus und überlegten, wie wir weiter vorgehen. Mir kullerten die Tränen herunter und ich wusste nicht, ob ich mich nun tatsächlich freuen soll oder ob mich die Informationen noch trauriger machten. Wir entschlossen uns dazu, ihm einen Brief an die Adresse zu schreiben. Schon nach ein paar Tagen erhielten wir eine Antwort von ihm und wir vereinbarten ein „Familientreffen".

Donnerstag, den 21. April 2011 09:17


Die Diagnose

Widerwillig wurden mir zwei Briefe überreicht - Ich konnte es nicht fassen, die Briefe waren beide bereits 8 Jahre alt und der Absender war mein Vater. Der erste wurde im Februar vor 8 Jahren verschickt und der zweite im April. Vier Fotos wurden den Briefen beigelegt, er schrieb, dass die Fotos für uns Kinder seien, damit wir den Eindruck hätten, es ginge ihm gut. Er schrieb uns, dass er schlimme Nachrichten von seinem Arzt erhalten hat, die Diagnose: Krebs. Wir Kinder haben ihm alles bedeutet und er wollte nicht, dass wir ihn so leiden sehen würden. Er hatte Angst, dass wir die Situation seelisch nicht verkraften könnten - ihn sterben zu sehen.
Meine Mutter war verständlicherweise verzweifelt und vor allem wütend. Wie konnte man so dumm sein, denn das plötzliche Verschwinden sei kein Stück besser für die Kinder - sie konnte sein Handeln nicht verstehen und entschied sich dazu es zu verschweigen.
Das neue Wissen machte mich traurig, wütend und es motivierte mich zugleich. Ich versuchte über Krankenhäuser und andere Behörden Informationen über ihn zu bekommen - leider ohne Erfolg. Mein Bruder hatte eine weitere Idee. Da mein Vater damals Geschäftsführer eines Unternehmens war (was er aber zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr ist) , wollte mein Bruder über einen Handelsregisterauszug herausfinden, ob er möglicherweise mittlerweile ein anderes Unternehmen gegründet hat, oder ob er einem anderen zumindest angehört - meine Mutter erhält regelmäßige anonyme Zahlungen, was darauf schließen lässt dass er noch aktiv ist. Wir entschlossen und dazu, einen Handelsregisterauszug anzufordern.

Donnerstag, den 14. April 2011 09:26


Verweigerte Hilfe

Meine Mutter hat mir von Beginn an angekündigt, dass sie sich keinerlei an den Recherchen beteiligen wird - ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie wirklich nicht mehr über die Gründe weiß, als sie vor uns Kindern behauptet. „Er ist einfach abgehauen, aber ihm ist mit Sicherheit nichts passiert" diesen Satz hat sie immer wieder gesagt. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass die Polizei uns jemals zu seinem Verschwinden befragt hätte. Als ich vierzehn Jahre alt war, wollte ich eines Tages zur Polizei gehen, um über sein plötzliches Verschwinden zu reden, aber meine Mutter versuchte mich mit allen Mitteln davon abzuhalten - aber das konnte sie nicht.

Donnerstag, den 07. April 2011 11:02


Das plötzliche Verschwinden

Es ist für mich bisher immer sehr schwer gewesen, wenn ich bei meinem Freund und seinen Eltern zum Essen eingeladen wurde, denn diese Innigkeit, dieses Vertrauen in seiner Familie stimmt mich leider sehr traurig. Das liegt auf keinen Fall daran, dass ich die Harmonie nicht mögen würde, sonder es liegt wohl eher daran, dass ich diese Stimmung auch gerne mit meinen Eltern, in meiner Familie vorfinden würde. Leider steht hier eine dominierende Tatsache dazwischen: Mein Vater ist nach meinem fünften Lebensjahr einfach abgehauen - er hat die Familie verlassen, ohne auch nur die kleinsten Anzeichen im Vorfeld zu machen. Ich kann auch nur positive Kindheitserinnerungen mit ihm verbinden, er ist regelmäßig mit mir und meinem Bruder in des Zoo gegangen, um uns aufmerksam und liebevoll die Tierwelt nahezubringen und zu erklären und an den Wochenenden haben wir immer ausgiebig miteinander gefrühstückt. Abends hat er sich immer zu meinem Bruder und mir gekuschelt und uns „Geschichten von früher" erzählt - bis wir eingeschlafen sind. Ich möchte einfach nur verstehen, was die Ursache für sein Verschwinden und versuche es nun mit der letzten, noch nicht ausgeschöpften Möglichkeit ihn aufzusuchen: Informationen aus Handelsregisterauszügen einholen.

Donnerstag, den 31. März 2011 16:16



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